Funkloch
Eine frei erfundene Geschichte von Werner Richli
Heute scheint ein schöner Tag zu werden. Die Sonne guckt schon um sechs Uhr hinter dem Galgenenstock hervor und lässt die Dächer von Stauchingen am gegenüberliegenden Hang wie Spiegel erhellen. Max Gerber, der Gemeindepräsident von Lobsingen, schaut missmutig aus dem Fenster. Er empfindet nur eine Dunkelheit, die der Sonne trotzt. Seine Müdigkeit lässt alles, was er sieht - auch alles, was er denkt - in grau und schwarz erscheinen. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugetan. Die Geschehnisse der letzten Tage und was ihn heute erwartet – das Interview mit dem Fernsehen - haben seiner Frohnatur zugesetzt.
Er war bis vor vier Tagen ein glücklicher Gemeindepräsident in einem Dorf, das ausser den 530 Einwohnern kaum jemand kannte. Einzig ein früheres Ereignis hat dem Dorf eine gewisse Bekanntheit gegeben, die aber immer mehr am Verblassen ist. Im Jahr 1976 wurde in Lobsingen ein Bankräuber verhaftet, der mit vier weiteren Gangstern eine Bank in Deutschland überfallen hatte. Dabei sollen über 100 Kilogramm Gold gestohlen worden sein. Der hier festgenommene Bankräuber war ein richtiger Lobsinger. Hier ging er zur Schule, arbeitete hier in der Dorfschmitte und hier wurde er auch zum Bankräuber: Bärti Dahinden. Nur noch die älteren Einwohner wissen, warum die Bar im Gasthaus Sternen – sie befindet sich im Keller des Hauses - Räuberbar heisst und weshalb auf der Speisekarte des Restaurants Schäfli ein Bärtifüstel angepriesen wird. Bärti Dahinden besoff sich damals allabendlich in diesem Gasthaus und zum Znüüni bestellte er hier täglich einen Füstel. Dieser und der Name der Bar sind die einzigen Zeitzeugen, die von der damaligen Sensation noch geblieben sind. Bärti Dahinden starb vor 15 Jahren in einem Heim für Knechte - schwer krank - nachdem er 13 Jahre im Gefängnis eingesessen hatte. Vom geraubten Gold wurde nie ein Gramm gefunden.
Nicht diese alte Geschichte lag Max Gerber auf dem Magen, sondern der vor vier Tagen in der Tagesschau erschienene Beitrag, dass Lobsingen die einzige Gemeinde in der Schweiz sei, die ein Funkloch hat. Seither war in Lobsingen der Teufel los. Carweise trafen schon tags darauf Leute ein und durchkämmten - mit Fotoapparaten und Feldstechern bewaffnet das ganze Dorf. Auf den Feldern der Landwirte wurde wild parkiert und die Telefone in der Gemeindeverwaltung liefen heiss. Alle wollten wissen, wie das einzige Funkloch der Schweiz aussieht und wie die Menschen hier damit umgehen.
Der Gemeinderat beschloss vorgestern, an der Einfahrtstrasse einen grossen Parkplatz auf der Wiese der Korporation einzurichten und eine Parkgebühr pro Auto und Car einzuziehen. Das werde wenigstens der klammen Gemeindekasse helfen, insbesondere jetzt, wo die Renovierung des Schulhauses anstehe, schrieb der Gemeinderat im Aushang beim Dorfplatz.
Am Stammtisch im Restaurant Sternen, wo vorgestern nebst dem Gemeindepräsidenten Max Gerber und dem Beizer Hans Imboden auch der Dorfpfarrer Isidor von Allmen, der Schulleiterr Damian Fischer mit seiner neuen Partnerin Käthi Zenklusen und der Dorfbeck Hans Portmann sowie einige älteren Lobsinger dabei waren, wurde darüber hitzig diskutiert. Die älteren waren der Meinung, dass man gescheiter bei der Einfahrtstrasse ein grosses Transparent mit dem Text: "Hier gibt es nichts zu sehen – lassen sie uns in Ruhe!" montieren sollte als den Neugierigen einen Parkplatz anzubieten. Andere fanden diese Massnahme sei sinnvoll, sie würden aber den Preis so hoch ansetzen, dass es jedermann abschreckt, zu kommen. Meinungen über Meinungen machten die Runde, als Käthi Zenklusen plötzlich auf sich aufmerksam machte. Sie stand auf, stützte sich mit beiden Händen auf dem Tischblatt ab und sagte in einem eindringlichen Tonfall: «Liebe Männer. Ich habe jetzt lange geschwiegen und gehofft, dass ich etwas Positives aus der Runde höre. Leider vergeblich. Das Funkloch hat für euch alle nur Fluch über Lobsingen gebracht. Als Touristikfachfrau sage ich euch: Das Funkloch kann für diese Gemeinde auch ein Segen sein! Noch nie hatte Lobsingen so viel Publizität in den Medien wie jetzt, und das kann Gold wert sein. Wenn wir diese nutzen, können wir aus unserer Gemeinde einen Ausflugsort oder vielleicht sogar einen Ferienort machen. Wir können die Abwanderung der jungen Leute stoppen. Wir können mehr Steuern generieren. Wir können den Steuerfuss senken. Wir können Lobsingen aus dem Dornröschenschlaf wecken. Es könnten sogar neue Arbeitsplätze entstehen. Aber Lobsingen muss daran glauben.» Ein Raunen ging durch die Runde. Man schaute sich gehemmt an, in der Hoffnung, man entlarve sich nicht als Hinterbänkler. Der Gemeindepräsident Max Gerber fragte Käthi Zenklusen zögerlich, wie sie das denn anstellen möchte. «Wir müssen einfach ein bisschen schummeln und behaupten, das Funkloch mache Menschen glücklich», sagte Käthi Zenklusen - hob ihr Glas in die Runde und prostete allen zu.
Noch in dieser Nacht diskutierte die Stammtischrunde und über fünfzig weitere Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen, welchen man kurzfristig angerufen hatte, im Saal des Restaurants Sternen über die Idee von Käthi Zenklusen. Um Mitternacht wurde ein Dekret verfasst, von welchem Max Gerber versprach, es dem Gemeinderat an der morgigen Sitzung vorzulegen.
Am Tag darauf informierte Gerber seine Gemeinderatskollegin und- kollegen an der ordentlichen Gemeinderatssitzung über die gestrige, spontane Stammtischrunde und das verfasste Dekret. Er erwähnte auch gleichzeitig, dass sich das Schweizer Fernsehen angemeldet habe, um über die Geschehnisse der letzten Tage in Lobsingen zu berichten. Die Ausstrahlung des Beitrages sei dann am Freitag im Sendeformat DRS Aktuell vorgesehen. Er habe mit ihnen einen Interviewtermin für den Donnerstagmittag vereinbart. Bis dann sollte klar sein, ob die im Dekret formulierten Ideen nach aussen kommuniziert werden sollen. Max Gerber rezitierte abschliessend die Worte von Käthi Zenklusen, dass das Ganze nur dann Erfolg haben wird, wenn ganz Lobsingen daran glaube. Ob Mut oder Hoffnung den Gemeinderatsentscheid beeinflusst hatten, wusste niemand. Alle stellten sich hinter die Idee, Lobsingen aus dem Dörnröschenschlaf zu wecken.
Es blieben nur 24 Stunden Zeit, um die wichtigsten Massnahmen zur geschummelten Glückseligkeit im Dorf umzusetzen. Dazu wurden alle Vereinspräsidenten, Gewerbler und politisch Engagierte aufgerufen, ihren Beitrag in ihrem Umfeld zu leisten, damit dem Schweizer Fernsehen eine glaubwürdige Geschichte präsentiert werden konnte. Eine Baufirma wurde beauftragt, den Gehweg um den Trachselweiher neu zu schottern und einige Sitzgelegenheiten in Form von Baumstämmen in Durchmesser von 45 cm zu setzen, die für's Innehalten und Meditieren benutzt werden können. Viele Lobsinger kamen früher von der Arbeit nach Hause, um tatkräftig mitzuhelfen. Einige stellten kleine Tafeln in ihren Gärten auf mit Sprüchen wie: "Unser Glück begann in Lobsingen" oder "Immer eine Spur glücklicher als anderswo" oder "Das Funkloch ist unsere Lebensfreude".
In den Gärten standen vielerorts Glückszwerge. In der Backstube wurden eifrig Lobsingerli - ein neues Kleingebäck gefüllt mit Vanillecreme und in der Mitte einem runden Loch - gebacken. Und im Restaurant Schäfli kreierte der Koch Fritz Staufer ein Menü mit dem Namen Funklochsteak im Kartoffelstockmantel. Es ist ein Schweinssteak mit einem fünflibergrossen Loch, das gefüllt ist mit Sauce Béarnaise, eingerahmt von einem Kartoffelstockring. Das ausgestanzte Fleischstück will er als Dekoration oben auf dem Salat servieren. Max Gerber stellte sein ganzes Gartenzwergsortiment vor dem Geschäft auf und schrieb sie mit "Lobsinger Glückszwerge" an. Das ganze Dorf war in diesen 24 Stunden auf den Beinen, um die Geschichte glaubhaft zu machen.
Was Max Gerber die ganze Nacht beschäftigte, war das geplante Interview vom Nachmittag, welches er dem Schweizer Fernsehen geben sollte. Man erwartete ihn beim Dorfbrunnen und danach gäbe es einen anschliessenden Rundgang durch das Dorf. Die ganze Nacht überlegte Max Gerber, was er anziehen und was er sagen soll. Als er schleppend auf dem Weg ins Bad beim Gästezimmer vorbeiging, stellte er erleichtert fest, dass seine Frau Hilda ihm ein Problem bereits abgenommen hat, nämlich jenes, was er anziehen soll. Fein säuber-lich lag ein weisses Hemd und eine blaue Krawatte, sowie das braune Veston mit passender Hose auf dem Gästebett bereit. Es sind die gleichen Kleider, die er am Wahlsonntag vor 6 Jahren getragen hatte. Im Dorf kennt man Max sonst nur mit der grünen Berufsschürze und der Baskenmütze, welche er nicht nur in seinem Eisenwarenladen trägt. Dort gibt es nebst den Eisenwaren auch Haushaltsgeschirr, Farben, Kerzen, Wohnaccessoires und sonst noch allerlei Krimskrams zu kaufen. Auch nach Feierabend im Restaurant Sternen zum Feierabendbier erscheint Gerber immer in seiner Berufskleidung. Obwohl er sich damals gegen eine Kandidatur stellte, nahm er diese nach Bekanntwerden des Resultates noch am Wahlsonntag an. Er wurde mit überwältigender Mehrheit zum Gemeindepräsidenten gewählt, was seine Beliebtheit in der Gemeinde widerspiegelt.
Max Gerber lag die ganze Schummelei auf dem Magen. Ein Funkloch, das die Menschen glücklich macht, würde er selbst nie glauben, auch nicht, wenn es ein Wissenschaftler sagen würde. Und heute sollte er das als Wahrheit verkaufen – vor einer Million Fernsehzuschauern. Was passiert, wenn der Schwindel auffliegt? Dann lacht die ganze Schweiz über ihn und Lobsingen. Die Last von 530 Einwohnern lag tonnenschwer auf seinen Schultern. Nur die Hoffnung, dass Lobsingen mit dem Schwindel aus dem Dornröschenschlaf aufwachen könnte, liess ihn entspannter werden.
Als Max Gerber, sauber rasiert, in ungewohnter Kleidung in die Küche kam, umarmte ihn Hilda wie vor 6 Jahren, am Tage seiner Wahl zum Gemeindepräsident. «Du siehst super aus - Max! Das schaffst du heute», meinte sie. «Die ganze Bevölkerung steht hinter dir. Viele haben die ganze Nacht geschuftet. Du wirst staunen, wie sich Lobsingen heute präsentiert.» Diese Worte schienen Max Gerber gut zu tun. Er strich mit der Hand über ihre Wange, sagte «danke», küsste sie auf die Stirne und verabschiedete sich. Er verliess das Haus und marschierte auf einem Umweg durch Lobsingen zu seinem Eisenwarenladen. Auf dem Weg begegneten ihm einige Lobsingerinnen und Lobsinger. Die einen hielten den Daumen hoch, Andere gaben ihm die Hand und wünschten ihm viel Glück.
In seinem Eisenwarengeschäft setzte er sich auf seinen Bürostuhl und starrte die Post an, die sich in den letzten vier Tagen aufgestapelt hatte. Als die Türklingel ertönte, dachte er, dass er den Laden eigentlich erst um neun Uhr öffnen würde. Missmutig schlürfte Max Gerber in den Laden, wo Käthi Zenklusen freudenstrahlend stand. «Guten Morgen Max», quillte es sofort aus ihr heraus. «Schau, ich habe einen Prospekt kreiert und 1000 Stück davon drucken lassen. Die Frauenriege ist jetzt daran, diese in die Briefkästen zu verteilen, damit die Bevölkerung gut informiert ist. Die restlichen Prospekte habe ich den Parkplatzanweisern gegeben, damit sie diese den Besuchern verteilen.» Bevor Gerber etwas sagte, schaute er vom Prospekt in Käthis Hand zu ihrem strahlenden Gesicht und wieder zurück und las den Titel des Prospektes: LOBSINGEN – DIE ENKLAVE DER GLÜCKSELIGKEIT. Gerber kam nur ein Wort über die Lippen: «unglaublich!» Er umarmte Käthi, als ob er sie schon lange kennen würde, dabei hatte er sie erst vor zwei Tagen am Stammtisch kennengelernt. «Danke Käthi» lobte er: «Gedruckt wirkt alles wahrer.»
Nachdem Käthi Zenklusen gegangen war, begann Max Gerber den Prospekt aufmerksam zu lesen. In der Einleitung liest er, dass die Einwohner von Lobsingen vor einigen Jahren bemerkt hätten, dass vieles, was in den Zeitungen stand und was das Fernsehen über die Probleme der heutigen Gesellschaft berichteten, auf Lobsingen nicht zutrifft. Weiter steht in der Einleitung, dass Verwandte und Bekannte, die ihre Familien und Freunde in Lobsingen besucht haben, danach alle das gleiche sagten, dass sie jeweils wie verwandelt nach Hause gingen. Stress, Nervosität, Angst – alles wie weggeblasen! Nach einem Besuch an diesem Ort seien sie viel glücklicher. Erst dann sei der Bevölkerung von Lobsingen bewusst geworden, dass dies etwas mit dem Funkloch zu tun haben musste. Max Gerber liest nun aufmerksam, was im Prospekt wortwörtlich zum Rundgang in Lobsingen steht.
Liebe Besucherinnen und Besucher
Es freut uns, dass Sie Lobsingen einen Besuch abstatten, um Ihr Glück zu finden. Um ihnen den Aufenthalt so behaglich wie möglich zu machen, haben wir im Dorf einen Rundgang mit 6 Posten ausgeschildert. Wenn sie ihm folgen, erleben sie die Wirkung des Funkloches sehr intensiv. Wir wünschen Ihnen jetzt schon einen guten Aufenthalt und eine glückliche Heimkehr.
Posten 1/Gemeindehaus
Trennen Sie sich von Ihrem Handy für die Zeit Ihres Aufenthaltes. Vor Ort finden Sie einen bedienten Schalter (täglich bedient 10.00 -18.00 Uhr) wo sie das Handy abgeben können.
Sie werden nichts verpassen, weil in Lobsingen ein Funkloch alle Nachrichten stoppt. Die Handylose Zeit entschleunigt Ihr Streben nach Informationen und lässt neu Gefühle zu.
Posten 2/Friedhof
Gehen sie ruhig und langsam durch den Friedhof und beachten Sie dabei die Jahreszahlen auf den Grabsteinen der Verstorbenen. Sie werden feststellen, dass viele Leute hier in Lobsingen ein hohes Alter erreicht haben. Das ist sicher mit dem glücklichen Leben erklärbar, das ihnen das Funkloch geschenkt hat.
Posten 3/Conditorei Portmann
Gönnen Sie sich hier eine kleine Pause, atmen durch und geniessen Sie hier einen Kaffee mit einem feinen «Lobsingerli». Reden Sie mit den Leuten, ob mit Einheimischen oder Auswär-tigen. Sie werden feststellen, dass sich Austauschen ungleich glücklicher macht als mit dem Handy zu chatten. Geniessen Sie die neue Erfahrung und die Kraft des Funkloches. Wer weiss, vielleicht bahnt sich hier danach eine neue Freundschaft an.
Posten 4/Glückszwerge
Wenn Sie auf dem Weg Richtung Trachselweiher wandern, beachten Sie die vielen Glückszwerge und Glückstafeln in den Gärten. Sie zeigen und beschreiben das Glück im betreffenden Haus. Möchten Sie gerne einen Glückszwerg für Ihren Garten? In der Eisenwarenhandlung Gerber gibt es sie in allen Variationen zu kaufen.
Posten 5/Trachselweiher
Hier ist die Intensität des Funkloches am grössten. Es ist der einzige Ort, wo Sie nicht reden sollten. Nehmen Sie sich Zeit auf dem Rundweg und setzen Sie sich ab und zu auf einen der bereitgestellten Baumstämme. Wenn Sie bei dieser Gelegenheit über Ihr Leben nachdenken, hilft Ihnen die Kraft des Funkloches, neues Glück zu finden. Lassen sie alle Sorgen von der Wirkung des Funkloches eliminieren. Nehmen Sie nur das Glück mit!
Posten 6/Sternen oder Schäfli
Runden Sie Ihr neues Glück mit einem Lobsinger Essen ab. In beiden Restaurants gibt es feine Dorfspezialitäten und die Wirte erzählen Ihnen alles, was Sie über Lobsingen wissen möchten. Auch eine echte Lobsinger-Räubergeschichte könnte dabei. Es gibt hier auch kleine Souvenirs wie Ansichtskarten und Mützen zu kaufen.
Max Gerber war sehr beeindruckt von der Kreativität von Käthi Zenklusen und den Anstrengungen der ganzen Bevölkerung. Die Geschichte mit dem Funkloch und dem Glück begann bei ihm wahr zu werden. Sie übernahm mehr und mehr den Platz der Schummelei. Langsam glaubte er auch Hildas Worten: «Du schaffst das heute!» Doch seine Entspannung machte sich in Müdigkeit bemerkbar. Er schlief auf seinem Bürostuhl ein. Erst das Läuten der Türglocke und der Ruf: «Hallo Max. Bist du da?», liess ihn aufwachen. Als Gerber ins Ladenlokal kam, sah er die aufgeregte Gemeinderatskollegin Brigitte Amrein. «Max, du musst sofort kommen. Das Fernsehteam wartet auf dich!» Darauf antwortete er ganz ruhig: «Brigitte, sei nicht so aufgeregt. Wir sind doch entspannte und glückliche Lobsinger. Lebe das Leben, das uns das Funkloch schenkt.» Verdutzt schaute Brigitte Amrein ihren kaum wieder zu erkennenden Gemeinderatskollegen an. Ohne weitere Worte schlenderten sie aus dem Laden zum Dorfbrunnen, wo sich viele Köpfe den Herannahenden zudrehten.
«Klappe!», rief der Kameramann nach dem kurzen Händeschütteln mit der Reporterin Sabine Dahinden vom Schweizer Fernsehen. Auf Ihre erste Frage, ob er das Funkloch auch so spüre wie dies im Prospekt steht, erzählte der Gemeindepräsident Max Gerber die ganze Geschichte, die er auf seinem Bürostuhl in einem intensiven Traum geträumt hatte. Nicht nur alle herumstehenden Lobsingerinnen und Lobsinger hielten den Atem an, sondern auch die Reporterin hörte gespannt zu. Als er fertig war, meint Sabine Dahinden, dass er alle vorgesehenen Fragen schon beantwortet habe. Sie sei sehr beeindruckt und freue sich jetzt auf den Rundgang durch Lobsingen. Auf dem Rundgang beantwortete der Gemeindepräsident traumwandlerisch sicher alle Fragen und wirkte dabei ansteckend glücklich, so dass alle an die Wirkung des Funkloches dachten.
Zur gleichen Zeit waren auch viele Besucher mit dem Prospekt in der Hand auf dem Rundweg unterwegs. Sie schlossen sich dem Fernsehteam teilweise an und hörten ihrem Gemeindepräsidenten zu. Einige genossen es auch, einmal Sabine Dahinden live zu sehen. Darunter war auch Käthi Zenklusen. Sie trug einen auffallend gelben Tirolerhut. Es war darum nicht verwunderlich, dass Sabine Dahinden sie unter den Leuten auswählte, um eine Frage zu stellen. «Sie sehen aus, als ob sie das Glück schon in sich tragen. Darf ich Sie fragen, woher Sie sind?» Käthi antworte spontan: «Ich komme aus St. Gallen und bin hier auf der Suche nach einer Wohnung.» «Oh – interessant», sagte Sabine Dahinden. «Und was zieht sie nach Lobsingen?» «Es ist mein Glück, das ich hier gefunden habe», erwidert Käthi Zenklusen. Dieser Satz sitzt, dachte Max Gerber. Und dieses durchtriebene Weiblein hatte nicht einmal gelogen, weil Sie mit Glück ihren neuen Freund meinte, der hier in Lobsingen wohnt.
Am Trachselweiher waren alle Baumstämme mit stummen Glücksuchenden besetzt. Die Kameras fingen die Stille am Weiher mit den vielen Meditierenden als Abschlussbild ein. Lobsingen hatte gerade eine neue Identität gefunden.
Einige Zeit später…
… schaffte es Lobsingen wieder einmal in die Presse zu kommen. Es wurde darüber berichtet, dass in Lobsingen - einem kleinen Dorf in der Schweiz - bei Abbrucharbeiten einer alten Schmitte unter der Esse über 100 Kilogramm Gold zum Vorschein gekommen seien. Dabei orientierte der Gemeindepräsident Max Gerber die verschiedenen Presse- und Fernsehberichterstatter, dass es sich wahrscheinlich um das Gold handelt, welches vor über 50 Jahren bei einem Bankraub gestohlen wurde und danach verschwand. Er sagte auch, dass er sich von diesem Fund einiges erhoffe, etwa eine Senkung des Steuerfusses oder der Bau eines Hotels mit über 100 Betten, weil ja immer mehr Leute hier in der Enklave der Glückseligkeit nächtigen wollen. Gerber zu den Medienleuten: Das Funkloch hat Lobsingen Glückseligkeit gebracht, die wir nun noch vergolden können