Der Dackel von Kuno Luginbühl
Herr Luginbühl legt seine Computermaus wie immer auf die rechte Pultseite, direkt neben dem Bild seines Dackels Bello. Er hat es vor einiger Zeit gegen die Fotografie seiner Frau Elsa ausgetauscht, weil ihn die Arbeitskollegen immer damit gefoppt haben: "Was hast du nur für eine junge Frau!» Natürlich wussten alle, dass dieses Bild bei einem Urlaub vor 35 Jahren aufgenommen wurde… Kuno hat Elsa Luginbühl nie etwas davon gesagt, dass nun ein Bild seines geliebten Dackels seinen Arbeitsplatz ziert. Hinter hervorgehaltener Hand reden seither seine Arbeitskollegen nur vom Herrn Dackel, wenn sie über ihn quatschen. Sie meinen es dabei nicht böse, aber Luginbühls Wesen erinnert schon ein bisschen an einen Dackel: treuherziger Blick, schüchtern, stur und ohne Aufdringlichkeit.
Herr Luginbühl arbeitet in der Transportfirma WORLDTOUR in der Abteilung Zollwesen. Seine Aufgabe ist es, die Zolldokumente zu prüfen und bei Verdacht auf eine Falschdeklaration hat er die Befugnis, die Ware im Container kontrollieren zu lassen. Von sich sagt Herr Luginbühl, er habe eine Spürnase wie ein Trüffelhund, wenn es darum geht Zollsünder zu finden. Andere sagen, er sei eher ein Trüffelschwein, weil er schon einen Druckfehler beanstanden kann und so in Kauf nimmt, dass sich eine Verzollung um Stunden verzögert.
Jetzt schaltet Herr Luginbühl seinen Computer aus, holt seine Tupperware-Frigobox von der Küchenablage in der Kantine und steckt diese in seinen Rucksack. Er macht dies, so wie immer, seit 30 Jahren, immer um die gleiche Zeit, immer um 17.00 Uhr und so auch einmal am Wochenende. Er hat es nun eilig, weil jemand auf ihn zuhause wartet. Jeden Abend am Ende eines Arbeitstages begrüsst er um 17.30 Uhr diesen Jemand mit den Worten: «Jo jo, Bello, brave Bueb». Seit zwei Jahren gibt Bello seinem Feierabend wieder einen Sinn, macht ihm das Nachhausekommen wieder Freude.
Zur gleichen Zeit beim Zuhause von Herrn Luginbühl an der Sonnmattstrasse 32, steht Elsa mit dem Dackel Bello vor der Haustüre. Sie macht das so wie immer, seit sie Bello vor zwei Jahren gekauft haben. Und sie weiss, dass ihr Kuno es liebt, wenn sie und der Hund ihn gemeinsam empfangen. Bello hat ihrer 35-jährigen Ehe so etwas wie ein neues Leben eingehaucht, ihrem ereignislosen Dahinplätschern des Zusammenseins neue Impulse gegeben. «Jetz chond de de Papi hei», sagt Frau Luginbühl zu Bello. «Hesch Fröid?»
Bei diesen Worten versucht Frau Luginbühl zu knien, um Bello zu streicheln, weil aber ihre Knie nicht mehr so recht wollen, zieht sie ihr blaues Kleid hoch, spreizt die Beine und bückt sich zu ihm hinab, streichelt Bello und sagt: «De Papi hed secher es Mampferli för dech debii?»
Jeden Abend das Gleiche. Ich muss mit dem Schwanz wedeln, um meine Freude zu zeigen. Je mehr ich wedle, umso grösser wird die Freude von Kuno und Elsa. Das Beste daran ist, dass ich ein Mampferli bekomme.
«Lueg Bello, do chond de Papi!»
Mich regt es jedes Mal auf, wenn sie von "Papi"reden oder wenn Elsa mir sagt:
«Chomm met em Mami, Bello, mer gönd jetz gassi.»
Kuno ist weder mein "Papi", noch ist Elsa meine "Mami". Mein Papa ist ein Dackel und heisst Sebal, und weil er einen rassenreinen Stammbaum hat, heisst er mit vollem Namen " Sebal der dritte von Königshausen" und meine Mama heisst "Mauri" und ist stolze Mutter von 14 Dackeljungen aus vier Würfen. Wie billig mein Name, Bello, dagegen klingt! Als ob ich ein Strassenhund wäre, der nichts im anderes im Sinn hat, als herumzustrolchen. Meine Geschwister habe ich nie mehr gesehen, seit Kuno und Elsa mich adoptiert haben. Speziell vermisse ich «Spitze». Selbstverständlich habe nur ich ihm so gesagt, weil er spitze war beim Fliegen fangen. Vielleicht heisst er heute auch Bello.
Kuno Luginbühl kommt mit seinem in die Jahre gekommenen BMW gemächlich angefahren und parkiert ihn unter seinem Carport-Unterstand. Er steigt aus und geht schnurstracks auf das Eingangstor zu. Elsa weiss, dass sie in diesem Moment nur noch die zweite Geige zu spielen hat und lächelt ihr «Entchendasein» weg, als sie Bello wortlos von der Leine lässt.
Jetzt muss ich los! Ja, ich darf Kuno nicht seine Laune verderben. Wedeln mit dem Schwanz! Nach seinem Bückling sein Ohr ablecken! Das ganze Begrüssungszeremoniell halt. Dass ich das nur schaffe, wenn ich «das Männchen mache», liegt an meinen kurzen Beinen, die ich des Öfteren in den Dackelhimmel wünsche, vor allem, wenn mir der Nachbarshund Titan mein Selbstwertgefühl raubt. Er ist ein Dalmatiner ohne gute Manieren. Mit seinen langen Beinen behandelt er mich immer so von oben herab, als ob ich nichts wäre. Meine kurzen Beine machen mich für alle immer zum Jööö-Hund. Selbst wenn ich versuche, grimmig dreinzuschauen, höre ich Leute sagen:
«Jööö, Lueg emol, wie’n är herzig lueget». Niemand hat Angst vor mir und schon gar niemand Respekt. An der Fasnacht habe ich schon mal gesehen, dass jemand eine Dackelmaske trägt. Es ist zum Bellen! Am liebsten hätte ich dem Maskierten so kurze Beine wie die meinen gewünscht.
Herr Luginbühl schreitet mit ausgebreiteten Armen Bello entgegen, bückt sich und sagt nach dem Ablecken seines Ohres so wie seit zwei Jahren immer: «Jo jo, Bello, brave Bueb» und streckt ihm ein Mampferli entgegen.
Herr Luginbühl streckt seinen Rücken wieder gerade, soweit ein 60-jähriger das überhaupt noch kann und geht in langsamen Schritten auf seine Frau Elsa zu, die ihn mit einem schiefen Lächeln und einem zuwinkenden Hallo begrüsst. Sie denkt, dass auch sie gerne wieder einmal von jemandem so begrüsst werden würde. Doch statt Freude und Zuneigung kommt von ihrem Mann nur ein Hallo, als ob er in der Firma einen Arbeitskollegen oder seinen ungeliebten Nachbarn begrüssen würde, jenen Nachbarn, welchem er fast wöchentlich die gefallenen Blätter von dessen Hecke, es ist eine Hainbuche, in seinen Garten zurückwirft.
In diesem Moment überlege ich manchmal, wie ich auch Elsa Freude bereiten könnte. Aber Kuno lenkt mich immer mit einem weiteren Mampferli ab. Und wieder höre ich: «Bello - chomm met em Papi!»
Mein Leben ist manchmal sehr stressig. Vor allem die Wochenenden, so wie jetzt. Da will Kuno, dass ich ihm auf Schritt und Tritt folge. So stehe ich beim Ausziehen seiner Schuhe daneben oder muss ihm bei Pinkeln im WC zusehen. Oder ich sitze wie jetzt in der Küche neben ihm, wenn er Elsa von seinem Tag erzählt. Eigentlich tue ich dies nicht aus Freude. Was glaubt er auch? Aber so gibt er mir wieder ein Mampferli, von welchen er immer einige in seiner Hosentasche hat.
Heute sei im Geschäft wieder mal der Teufel los gewesen, erzählt Herr Luginbühl und dass die jungen Leute einfach nicht mehr so arbeiten wie früher. Der eine habe gemeint, dass es keine Rolle spiele, wenn bei der Lieferadresse "Rheinstrass" steht anstatt Rheinstrasse, das sei doch nur ein Druckfehler. Ein anderer habe gedacht, er lasse es gelten, wenn im Zollformular der Hinweis «verderblich» fehlt, obwohl er Südfrüchte geladen hatte. Beim Ersten habe er dann ein Auge zugedrückt, weil er wenigstens anständig war. Den andern habe er bis Montag stehen gelassen, damit er über sein Fluchen und Beschimpfen nachdenken könne. Herr Luginbühl bückt sich zu Bello – ohne seine Frau anzusehen und neuselt: «Gäu Bello – das wördisch du ou ned döreloh?»
Jetzt sucht Kuno in mir noch einen Verbündeten! Einen Sturen! Ich spüre am Augenaufschlag und der Mimik von Elsa, dass sie Kuno auch stur findet. Elsa ist eine tolerante Frau. Sie schimpft nie wie Kuno mit mir. Auch dann nicht, wenn ich mit schmutzigen Pfoten meine Spuren auf dem Parkett hinterlasse. Wenn ich einmal wegen dem gefressenen Spitzgras einen Brechreiz habe, putzt Elsa einfach alles auf. Sie tröstet mich mit Streicheln, während Kuno mich mit einem «Pfui – schämm di!» in mein Körbchen schickt.
Ob das nicht ein bisschen stur sei, einen Lastwagen voll mit Südfrüchten über das Wochenende stehen zu lassen, fragt Frau Luginbühl ihren Mann. Typisch Frau, entgegnet Herr Luginbühl energisch und lauter als zuvor. Hier gehe es um das Prinzip, dem Schlendrian der Menschen zu entgegnen. Wo wir denn hin kämen, wenn alle mit ihrer Schludrigkeit gleich belohnt würden wie jene, die exakt arbeiten. Schlamperei sei der Anfang vom Ende der erfolgreichen Schweiz, sagt Herr Luginbühl. Es gehe vor allem um die jungen Leute, die lieber auf ihrem Handy etwas «herumtöggelen», als sich die Zeit zu nehmen, ein Formular korrekt auszufüllen.
Frau Luginbühl weiss, dass sie jetzt kein «Öl ins Feuer giessen» darf, weil das Wochenende sonst ein wortkarges werden könnte, eines wo nur noch Bello mit freundlichen Worten rechnen kann. Sie fragt deshalb ihren Mann, was er gerne zum Nachtessen hätte.
Elsa fragt Kuno jeden Abend, was er gerne zum Nachtessen hätte. Doch sie weiss ja, dass er am Freitag immer einen garnierten Cervelat mit russischem Salat wünscht. Deshalb liebe ich den Freitag, weil immer ein kleines «Wursträdli» für mich übrigbleibt.
Herr Luginbühl sagt, dass er jetzt einen garnierten Cervelat mit russischem Salat allem anderen vorziehen würde und macht seiner Frau Elsa ein unerwartetes Kompliment: "Ich würde den russischen Salat nicht einmal in Russland besser bekommen, als an der Sonnhaldenstrasse 32." Er bringt es nur selten fertig, Elsa einmal direkt zu loben. Trotzdem huscht Frau Luginbühl ein Lächeln über ihre Lippen. Es muss für sie wie eine Liebkosung sein, die alles Unbill der Woche vergessen macht. Sie steht auf und fährt mit ihrer Hand über den Kopf von Kuno und sagt: «Danke für das Kompliment».
Jetzt haben sie die Kurve gerade noch hingekriegt, um mein Wochenende zu retten. Wenn sie nämlich streiten, flüchtet Kuno oft mit mir an der Leine stundenlang aus dem Haus. Einmal ist es ein "Wackel » durch den Wald, ein anderes Mal ins Wirtshaus Löwen. Hier nimmt er sein Feierabendbier, der gleichzeitig sein Schlummertrunk ist. Dann muss ich stundenlang so tun, als ob es mich nicht gäbe. Ich musste da auch schon unter dem Tisch pinkeln. Zum Glück hat es Kuno nie bemerkt. Das Schlimmste ist, wenn der «Wackel» durch den Wald im Winter stattfindet. Mit meinen kurzen Beinen robbe ich dann im kalten Schnee und riskiere jedes Mal eine Blasenentzündung. Ich stelle mir dann immer den Kuno ohne Kleider und mit meinen kurzen Beinen vor… Das finde ich richtig lustig!
«Chom Bello, met em Papi gassi- gassi machen», sagt Herr Luginbühl.
Ich habe schon vor dem nach Hause kommen von Kuno im Garten heimlich an die Palme gepinkelt. Kuno würde laut mit mir schimpfen, wenn er es wüsste. Eigentlich möchte ich jetzt nicht gassi gassi gehen. Aber das versteht Kuno nicht. Also wedle ich halt mit dem Schwanz, wenn er mich mit "Chom Bello!» anspricht. Man erwartet von mir immer, dass ich schon beim kleinsten Augenkontakt Freude zeige. Aber auch Dackel haben so ihre Sorgen. Ich bin im Teenageralter und habe oft den Drang, ein bisschen «läutschen» zu gehen, um mit anderen Hunden herumzutollen. Ich habe schon erlebt, dass mein «Pfeifferli» hervorlugte, wenn ich mit einem Hundeweibchen Spass habe. Solche Spiele lässt aber nur Elsa zu. Kuno nimmt mich sofort an die Leine und scheucht andere Hunde weg. Aber er selbst schaut jeder Frau hinterher. Ich war schon zweimal dabei, als er eine andere Frau in einem fremden Haus mit roten Lichtern getroffen hat. Ich musste vor der Türe sitzen bleiben, weil die Frau keine Hunde im Zimmer haben wollte. Danach erzählte er Elsa, wo wir überall gewesen sein sollen. Mein Bellen wegen der Lüge verstand Elsa so, dass ich wohl Hunger hätte. Und darum gab sie mir zwei Mampferli
Er sei in einer Stunde zurück, sagt Herr Luginbühl zu seiner Frau, holt die Leine, lässt den Karabinerhaken am Halsband von Bello einrasten und sagt mit aufmunternden Worten: «Chom Bello, mer gönd zue de Ente am Teich». Zusammen verlassen sie das Haus. Sie sind gerade an der Strassenkreuzung angelangt, als sie Herrn Brügger – er ist ein Sängerkollege von Herrn Luginbühl im Männerchor «Heimatbuebe» – begegnen. Nach dem gegenseitigen Begrüssen kauert Herr Brügger zu Bello hinab und sagt zu ihm: «Du besch aber e härzige» und streichelt Bello über das Fell.
Ich bin wütend! Ich weiss, dass Kuno mich nun wieder einmal einfach auf dem Trottoir warten lässt. Und dieser Mann findet mich «härzig». Wie soll ich den dreinschauen, dass man merkt, dass ich mich nerve? Wie merkt er, dass ich wütend bin? Mit Sicherheit werden wir den Teich mit den Enten heute kaum sehen. Er verspricht mir immer wieder schöne Sachen. Doch kaum sind wir um die Ecke werden sie schon nicht mehr eingehalten. Jetzt will ich Kuno zeigen, dass er mit mir nicht alles machen kann! Ich bin schliesslich ein stolzer Dackel von einem Vater mit einem königlichen Stammbaum. Und was ist Kuno schon? Ein sturer Bürolist in einer Transportfirma! Einer, der meint, er sei ein König, weil er einen Lastwagenfahrer mit seinen Südfrüchten einfach stehen lassen kann. Jetzt werde ich ihm mal den Rebellen in mir spüren lassen!
Herr Luginbühl und Herr Brügger tratschen über den neuen Chorleiter, über Sepp mit seiner kratzenden Tenorstimme, über die Frau von Hugo, die einen andern hat, über Hans, dessen Firma Konkurs anmelden musste, als Bello plötzlich - unbeachtet von den beiden - aufsteht, sein Bein hebt und zuerst an das Hosenbein von Herr Brügger und dann an jenes von Herrn Luginbühl pinkelt. Herr Brügger realisiert es zuerst und sagt laut: «Scheisse». Jetzt bemerkt es auch Herr Luginbühl. Er kann es kaum fassen, was da gerade passiert ist, weil Bello so etwas noch nie gemacht hat. Mit Sicherheit ist es Herrn Luginbühl sehr peinlich. Er weiss, dass Herr Brügger diese Geschichte bei nächster Gelegenheit seinen Sängerkollegen erzählt. «Was fallt dir ein, Bello!» sagt Herr Luginbühl zornig und will ihm einen Fusstritt geben. Dieser ist aber schneller und packt das heranrauschende Hosenbein, so dass Herr Luginbühl das Gleichgewicht verliert und beinahe zu Boden fällt, hätte sein Sängerkollege ihn nicht kurz davor auffangen können. Dabei fällt ihm die Leine von Bello aus der Hand.
Jetzt habe ich Mist gebaut. Das wird mir Kuno sicher nicht so schnell verzeihen. Am besten, ich haue ab! Fort und nach Hause! Elsa wird für mich sicher ein gutes Wort bei Kuno einlegen.
Noch selten im Leben hat sich Herr Luginbühl so blamiert. Dass schon ein kleiner Dackel ihn zu Fall bringen kann, wird auf jeden Fall Gelächter und Hohn bei seinen Sängerkollegen auslösen und ihn als Volltrottel dastehen lassen. - Während Bello so schnell wie es seine kurzen Beine zulassen nach Hause rennt, entschuldigt sich Herr Luginbühl mit hochrotem Kopf bei seinem Sängerkollegen und läuft in strammen Schritten ebenfalls dorthin.
An der Sonnmattstrass 32 bereitet Frau Luginbühl gerade den mit Cerverlats garnierte russischen Salat zu, als sie Dackel Bello mit mitgeschleifter Leine vor dem Küchenfenster sieht. Erschreckt öffnet sie die Glastüre und weiss im selben Moment, dass etwas passiert ist. Bello macht bellend und hilfesuchend das Männchen vor ihr, so wie er es tut, wenn er Angst vor einem grossen Hund hat. Sie nimmt ihn in die Arme und sagt: «Was esch los Bello, wo esch de Papi?»
Elsa kann mein Bellen nicht verstehen, mein Wimmern aber schon. Das mache ich nur, wenn es donnert und blitzt, wenn Feuerwerksraketen knallen oder wenn Tasso, der Dobermann in meine Nähe kommt. Dann finde ich bei Elsa immer Schutz in ihren Armen.
Frau Luginbühl streichelt Bello und sagt: «Besch im Papi devo?» Bei diesen Worten kommt Herr Luginbühl durch das Gartentor. Seine Wut kann man schon an seinen Schritten und seinem roten Kopf erahnen. Elsa fragt Kuno, was denn passiert sei. Er ignoriert diese Frage, zeigt mit den Fingern auf Bello und sagt: «Dä muess weg!»
Frau Luginbühl antwortet selbstbewusst: «Secher ned!» Dass Elsa gegen einen Entscheid von ihm opponiert, ist sich Herr Luginbühl nicht gewöhnt. Immer hat das gegolten, was er sagte.
Ich kann es kaum glauben, was ich angerichtet habe. Das wird wieder so ein Wochenende, bei dem die Stille das lauteste ist in ihrer Beziehung. Ich habe es noch nie erlebt, dass Elsa ihrem Kuno widersprochen hat. Und dies wegen mir. Ich glaube, Elsa liebt mich.
Herr Luginbühl schreit laut und deutlich – deutlich auch für den Nachbarn, der gerade seine Hecke schneidet: «Entweder är oder ech!» Er gehe jetzt eine Stunde in den Löwen, schreit er weiter und wenn er wiederkomme, müsse entweder Bello weg sein oder er packe die Koffer. Frau Luginbühl will Kuno noch etwas fragen, aber er schreitet schnurstracks zum Ausgang, ohne sich umzudrehen. Elsa schreit ihm jetzt nach: «Du sture Bock!»
Elsa hat so etwas noch nie getraut zu sagen. Sie zeigt heute, so wie ich, die Rebellin in ihr. Bravo! Ich sehe, dass sie Tränen in den Augen hat. Sie tut mir so leid. Sie hat es nicht verdient, so behandelt zu werden. Was passiert jetzt mit mir? Vielleicht bringt Elsa mich zu meiner Dackelfamilie zurück oder in ein Tierheim.
Die Sturheit hat aus Herrn Luginbühl einen Egoisten gemacht. Seine Frau wurde dabei immer zur Verliererin. Kuno fand immer einen Grund, etwas nicht tun zu können, um die Arbeit Elsa zu überlassen. Nie wäre er bei Regen mit Bello gassi gegangen. Er behauptete immer, dass bei ihm der Regen eine Rhinitis auslöse. Elsa hat mal nachgeschaut, was das heisst und nur gelacht, als sie las, dass dies Schnupfen heisst. Kuno hat es nicht verdient, diese liebenswerte Elsa zur Frau zu haben.
Frau Luginbühl bleibt noch einen Moment stehen und lässt ihre Tränen auf den Wangen von Bello ablecken. Während sie mit ihrer Hand über das Fell des Hundes streicht, flüstert sie: «Das chond ned i Frog!» Frau Luginbühl geht mit Bello auf den Armen ins Wohnzimmer, nimmt den Telefonhörer von der Station und sitzt in ihren Lieblingssessel. Nach drei Summtönen meldet sich jemand; es ist Susanne Zürcher, die beste Freundin von ihr. Sie erzählt ihr schluchzend, was gerade vorgefallen ist und bleibt plötzlich ganz stumm, hört nur noch zu. Nach einer Weile sagt sie: «Okay», legt den Hörer auf die Station zurück, stellt Bello auf den Boden und sagt zu ihm: «Chomm Bello, mer müend pressiere.»
Frau Luginbühl eilt nun in den Estrich und kommt mit einem grossen Koffer zurück. Im Schlafzimmer packt sie alle ihre Lieblingskleider, ihren Schmuck und ihre Tagebücher hinein, eilt durch die ganze Wohnung und stopft alles in den Koffer, was ihr wichtig zu sein scheint. Bald klingelt es an der Wohnungstüre. Frau Luginbühl eilt dorthin, gefolgt von Dackel Bello und öffnet die Türe.
Was passiert jetzt da? Ich verstehe es nicht. Will sie mich und Kuno verlassen?
Ohne Worte umarmen sich Frau Luginbühl und Frau Zürcher. Das Schluchzen von Elsa ist das einzig hörbare. «Es kommt schon gut", tröstet Frau Zürcher ihre Freundin. Frau Luginbühl gibt seufzend zur Antwort: "Ich habe alles Persönliche und das Nötigste eingepackt, nur noch jenes für Bello sei noch nicht bereit."
Habe ich richtig gehört? Die wollen mit mir ausbrechen! Kuno alleine zurücklassen? Das wird ja ein richtiges Abenteuer! Es gab doch in den letzten zwei Jahren nie einen Tag, an dem nicht jeder dem vorangegangenen Tag glich. Das mag für einen müden, alten Dackel gut sein. Ich habe noch das ganze Leben vor mir. Vielleicht sogar eine grosse Dackelfamilie, wie mein Vater Sebal und meine Mutter Mauri eine haben.
Frau Luginbühl und ihre Freundin schleppen den grossen Koffer zum Auto von Frau Zürcher. Sie gehen zurück zur Wohnung und suchen alles zusammen, was für Bello wichtig ist und laden auch diese Sachen ein. Bello springt unaufgefordert in den Kofferraum, setzt sich auf den Sack mit den Mampferli und schaut die beiden Frauen erwartungsvoll an. Diese umarmen sich abermals, aber dieses Mal ist keine Traurigkeit dabei. Frau Luginbühl sagt, dass sie nur noch schnell etwas erledigen muss. Sie läuft zurück zur Wohnung, nimmt ihr Handy, drückt das Ende einer Büroklammer in die Chipöffnung und entnimmt den Chip. Dann geht sie in die Küche und schreibt etwas auf einen Zettel, den sie neben den Teller mit dem russischen Salat legt. Schliesslich eilt sie, ohne die Wohnung abzuschliessen, zum Auto. Kaum eingestiegen, fährt Frau Zürcher los. – Es wird für Frau Luginbühl und Dackel Bello eine Fahrt in ein neues Leben.
Es ist fast Mitternacht, als Herr Luginbühl, angeheitert die Wohnungstüre aufschliessen will und feststellt, dass die Türe nicht abgeschlossen ist. «Typisch Frau», quasselt er, «aber wenigstens ist der Dackel weg.» Bello wäre längst hier und würde wedeln, denkt Herr Luginbühl. In der Küche sieht Herr Luginbühl den schön hergerichteten Teller mit dem mit Cervelat garnierten russischem Salat. Er liest den Zettel daneben: «Guten Appetit, Kuno.» Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er setzt sich und beginnt zu essen. Für ihn scheint die Welt wieder in Ordnung zu sein. Der Dackel ist weg, das Essen auf dem Tisch und diese kleine Notiz, die wie eine Entschuldigung klingt für das widerborstige Auflehnen von zuvor. «Elsa hat begriffen, was eine gute Partnerschaft ausmacht», murmelt er noch. Vom Schlaf fast überwältigt trottet Herr Luginbühl ins Schlafzimmer. Er sieht, dass Elsa nicht da ist. Er reibt sich die Augen und ruft laut: «Elsa!!» Alles bleibt still.
Herr Luginbühl holt sein Handy, tippt die Nummer von Elsa ein und überlegt sich schon, was er Elsa....Da ertönt die Nachricht: Diese Nummer ist nicht mehr in Betrieb.